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Artikelreihe des Generalkonsuls in der Tageszeitung Kobe Shimbun Nr. 1: "Philosophie in Zeiten der Pandemie"  

06.07.2021 - Artikel
エディット・シュタイン像 / Edith-Stein-Denkmal
ケルンのベルゼンプラッツにあるエディット・シュタイン像 / Edith-Stein-Denkmal, Börsenplatz, Köln© dpa

Vor Kurzem las ich ein Buch über die große deutsche Philosophin Edith Stein. Die Lektüre war sehr bewegend und hat in mir die Erkenntnis bestärkt: Diese große Frau mit dem tragischen Lebenslauf und der dennoch durch und durch positiven und ermutigenden Botschaft hat uns noch viel zu sagen.

Vor 120 Jahren wurde sie geboren. Sie war Jüdin, wurde Atheistin, konvertierte schließlich zum Katholizismus und trat in den Karmeliter-Orden ein. Sie war die erste Frau, die in Deutschland einen Doktortitel in Philosophie erwarb, und sie war so brillant, dass sie schnell zum Star der philosophischen Elite avancierte. Im Kloster schrieb sie tiefgründige theologische Abhandlungen. Edith Stein war zudem eine der ersten und überzeugendsten Vordenkerinnen der Frauenrechte.

Edith Stein hätte noch viele weitere großartige Impulse gegeben, wäre sie nicht 1942 von den Nationalsozialisten im KZ Auschwitz ermordet worden. Aber ihr Werk ist heute präsenter denn je, eigentlich erst am Anfang seiner Wirkungsgeschichte. Die Katholische Kirche hat sie heiliggesprochen und in den Rang einer „Patronin Europas“ erhoben.

Wir können in Deutschland und Europa, aber auch darüber hinaus, aus Edith Steins Leben und Werk vieles lernen. Drei Punkte möchte ich herausgreifen:

Das Leben ist nur dann erfüllend und glücklich, wenn es „Pro-Existenz“ ist – Dasein für Andere, Leben für eine höhere Aufgabe, Hingabe.

Menschenrechte sind gottgegeben, nicht von Menschen verliehen oder zugestanden. Sie können deshalb auch niemandem abgesprochen werden.

Will man messen, wie es um unsere Gesellschaft und den Wert der Menschenrechte in ihr steht, dann muss man nur prüfen wie wir mit den Schwächsten umgehen, mit Behinderten, Alten und ungeborenen Kindern.

Diese Zeit der Pandemie sollte uns ermutigen wieder über den Sinn des Lebens nachzudenken, denn die Zerbrechlichkeit unseres eigenen Lebens ist uns heute deutlicher denn je. Von Edith Stein lernen wir, dass jedes Leben gleich hohen Wert hat – egal ob es der Gesellschaft Nutzen bringt oder nicht. 


Martin Eberts

(erschienen in der Abendsausgabe der Artikelreihe Kobe Shimbun am 17.05.2021)

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